Du erwähntest die Critical Mass Veranstaltung in FFM. Hab schon verschiedentlich davon gehört.

Ein Erlebnis ganz kurz dazu:

Ich war Mitte April [1999] in New York, von der Bank aus. An dem Sonnabend nachmittag geriet ich im dortigen "alternativen" Viertel Greenwich Village in eine critical mass Veranstaltung, die dort vor allem aus der Blockade einer Durchgangsstraße bestand. "Give the streets back to the people" war der Slogan.

Allerlei Straßenkünstler waren an diesem spontanen Fest dabei, Autofahrer nahmens geduldig und fuhren halt einen Umweg. Passanten guckten, alles wie auch hier. Vielleicht 500 Leute, wenn ich's richtig schätze. Eine lustige Stimmung, Sommerfest-artig. Ich stehe dazu, daß ich mich recht wohl fühlte zwischen diesen "Alternativen".

Die Polizei rückte an, zunächst sehr zurückhaltend, sprach mit den paar Leuten, die sich auf Leitern und Masten mitten auf die Straße gestellt hatten. Ein martialischer Aufbau wie zum Bürgerkrieg, mit voller Bewaffnung. Aber: Die Damen(!) und Herren lächelten und scherzten mit.

Nach einigen Aufforderungen, die Straße zu räumen, die natürlich immer von Sprechchören und Trillern, Buhs und Pfiffen und viel Trommelmusik übertönt wurden, ging die Polizei ruhig, aber sehr bestimmt wie eine Dampfwalze gegen die tanzenden, johlenden singenden Leute vor. Ich konnte gut gucken, von nebenher (ich war Außenstehender, die New Yorker Probleme der Szene gehen mich nix an, finde ich), und ich sah beidseitig keine Härten oder Gewalt. Viel Buh & Trara & Pfiffe, sogar Anwohner der Straße aus den Fenstern mit Kochtopfdeckeln. Irgendwie urig.

 Wohl an 5 Leute waren festgenommen worden, abgeführt, wie man es aus dem Fernsehen kennt.

Traurig hat mich gestimmt, daß einige sehr unschöne Slogans von den Menschen skandiert und plakatiert wurden. Puppen von  Guiliani (ein rechter, harter ehemaliger Law& Order-Bürgermeister von NY) wurde geköpft und gehängt, seine Hinrichtung gefordert (er muß wohl hart durchgegriffen haben...). Und die Situation wurde mit Germany 1933 verglichen. Mehrfach. Dabei hatte ich überhaupt nicht den Eindruck, daß die jungen Leute wußten, wovon sie sprachen / schrieben, es ging ihnen nur um den Ausdruck ihres Unmuts mit Herrn Guiliani und dem Staat und überhaupt und so.

Ein Hintergund-Ziel der Veranstaltung war (laut einem Flugblatt), eine riesige internationale gleichzeitig stattfindende Critical mass Veranstaltung im Juni 1999 zu veranstalten / vorzubereiten, wenn irgend ein Weltwirtschaftsgipfel zusammentrifft. Auf dem Flugblatt waren dann Sprüche vom Kapitalismus weniger Unternehmer zu lesen, die die ganze Welt ausbeuten, nur um noch reicher zu werden. Das erinnerte mich doch sehr an vergangen geglaubte Zeiten der marxistischen Gruppen.

Ich fände es schade, wenn die an sich pfiffige Idee der critical mass Veranstaltungen durch dümmliche Unwissenheit und Geschichtsklitterung von den Menschen selbst verhunzt wird.
Hoffentlich haben wir in Deutschland da etwas mehr Ernsthaftigkeit, auch und gerade im politischen Hintergrund zur critical mass als Loslösung vieler Einzelner von politischer und faktischer Abhängigkeit.

Gruß

A.



Critical Mass Frankfurt