Segelmanöver
Zwei Arten Manöver kommen auf Rahseglern wie der MIR
regelmäßig vor:
die Wende und die Halse.
Beides ist auf einem Rahsegler eine komplizierte Angelegenheit und
bedürfen sowohl gründlicher Vorbereitung als auch einer
eingespielten Crew - vor allem die Wende, die hier zuerst beschrieben
wird. Wir sehen uns das Manöver einmal aus der Sicht des
kommandierenden Offiziers, also von der Brücke aus, an. Dazu wird
hier zunächst einmal eine geplante Wende beschrieben, wie
sie z.B. dann vorkommt, wenn das Schiff gegen den Wind kreuzt und dabei
auf den anderen Bug gehen soll. Die Rahsegler (Linienschiffe,
Fregatten, Sloops und Briggs), also auch die MIR, konnten ihre Rahen um
35° in gedachter Mittschiffslinie drehen. Daraus folgte, daß
dem Schiff nur 62,5% der Wasserfläche für seine
Segelmanöver zur Verfügung stand. Weniger als 67,5°
konnte nicht gesegelt werden. Wenn
ein Schiff zu stark anluvte, fing das Liek langsam an zu flattern und
danach killte das ganze Segel.
Meistens kommen solche Wenden nicht "aus heiterem Himmel", sondern
werden angekündigt. So haben sich Kapitän und Steuermann
darüber abgestimmt, wie lange ein bestimmter Kurs gehalten werden
soll, z.B. bis eine bestimmte Position erreicht ist, eine bestimmte
Landmarke in Sicht kommt oder auch zu einer bestimmten Uhrzeit - wie
beispielsweise zum Wachwechsel, wenn sowieso schon ein Grossteil der
Crew an Deck anwesend sein wird. Üblicherweise wird dann eine
Durchsage gemacht, dass z.B. um 20.00 Uhr eine Wende mit "all hands"
anberaumt ist. Wir gehen hier einmal davon aus, dass wir die Wende nach
geografischen Gesichtspunkten planen. Dazu überprüft der
Wachoffizier regelmäßig die Position und leitet je mehr er
sich der vereinbarten Wendemarke nähert, verschiedene Dinge ein.
Kurz vorher wird dann auch - sofern er nicht von alleine schon
erschienen ist - der Kapitän geweckt, damit er das Manöver
selber leiten kann. Die Wende kann schon so 30 Minuten dauern, eine
Halse noch etwas länger.
1. VORBEREITUNGEN
Noch bevor die Deckscrew oder gar die Freiwache überhaupt
mitbekommt, dass ein Manöver gefahren werden soll, müssen von
der Brücke her Vorbereitungen getroffen werden.
- Der Maschinenraum wird angewiesen, das Ballastwasser auf die
andere Seite zu pumpen.
- Die Küche wird informiert, damit sie - vor allem bei starker
Krängung - ihre Geräte und Materialien neu ausrichten und
sichern können.
- Der Bootsmann wird zur Brücke gerufen, um den Ablauf des
Manövers mit ihm zu besprechen.
- Die Position des Schiffes wird nun laufend kontrolliert und ggf.
von Hand überprüft. Auf dem Radar und dem GPS-Bildschirm
werden die Positionen der anderen in diesem Seegebiet operierenden
Schiffe ausgewertet und die zur Zeit in Sicht befindlichen Objekte
(Schiffe, Landmarken, Seezeichen) angepeilt.
- Nun wird über Funk der umgebende Verkehr informiert, dass
ein Kurswechsel bevorsteht. Das kann für die anderen Schiffe
einerseits eine Änderung der Vorfahrtsverhältnisse zur Folge
haben, andererseits, ist es wichtig für sie, zu wissen, dass der
Großsegler nun eventuell erhebliche
Geschwindigkeitsveränderungen haben wird, d.h. ganz plötzlich
an Fahrt verlieren und später auf dem neuen Kurs wieder gewinnen
wird. Das ist besonders wichtig für Schiffe, die von achtern
kommen und eventuell schneller als die MIR sind.
- In Landnähe und vor verkehrsreichen Gebieten (deutsche
Bucht, Straße von Dover, Rostocker Seekanal...) muss eventuell
auch noch eine Landstation informiert werden.
- Jetzt wird der Segelalarm gegeben. Dabei wird auch angesagt, um
welche Art Manöver es sich handelt. Eine Wende wird eigentlich
immer mit "Alle Mann" gefahren, für eine Halse reicht es oft aus,
wenn bei einem Wachwechsel zwei Wachen anwesend sind. Dafür wird
die Freiwache meist nicht geweckt.
- Auf das Kommando "Все наверх готовы"(russisch "vsje navjerch
gatovy", deutsch "Alle Mann an Deck") erscheinen alle an Bord
befindlichen Personen mit ihren Takelgurten oder sofern sie nicht ins
Rigg gehen doch mindestens wetterfest gekleidet an Deck und begeben
sich zu ihren Manöverpositionen. Ausnahmen sind die
Crewmitglieder, die innerhalb des Schiffes eine Manöverposition
haben, ggf. die Köche (wenn sie gerade das Essen auf dem Herd
haben) und die Brückenbesatzung. Rudergänger und Ausguck
bleiben solange auf Position bis sie von denjenigen abgelöst
werden, deren Manöverposition Ruder und Ausguck sind (in der Regel
der beste Rudergänger des Schiffes und die Person mit den
schärfsten Augen - das müssen nicht unbedingt Matrosen sein).
- Alle für das Manöver benötigten Leinen werden
losgeworfen.
2. DIE WENDE
In der Regel geschieht auf der MIR ein Kurswechsel durch eine Wende,
denn es ist eine genügend große Crew vorhanden und MIR ist
ein ausgesprochen handliches Schiff, das Ruder und Segeln selbst bei
starken Winden noch willig folgt. Bei der Wende geht das Schiff
mit dem Bug "durch den Wind". Man sagt dazu auch "über den Stag
gehen". Mit einer eingespielten Crew und ohne besondere Vorkommnisse
dauert die Wende etwa 1/2 Stunde.
- Bei Hart-am-Wind-Kursen muss zuerst ca. 5-10° vom Wind
abgefallen werden, um ein wenig Schwung zu holen.
- Wenn die Geschwindigkeit ausreicht, wird das Ruder hart nach Luv
gelegt (35° Ruderlage) und gleichzeitig das Besansegel dichtgeholt.
- Wenn die Segel anfangen zu killen, werden zuerst Groß- und
Focksegel eingeholt. Dann werden die Rahen des Kreuzmastes rundgebrasst
und die Schoten der Klüver gefiert.
- Während das Schiff nun mit dem Bug durch den Wind geht,
werden die Schoten der Klüver losgeworfen und die Schoten der
Stagsegel gefiert, sodass sie auf die andere Seite herüberkommen
können.
- Wenn das Schiff fast zum Stillstand kommt, wird das Ruder langsam
(in Schritten von 5°) wieder mittschiffs gelegt. Das Schiff
dreht nun allein durch den Druck des Windes im backstehenden Vortopp
weiter. Nur wenn es ganz zu stoppen droht, kann es erforderlich sein,
die Drehung durch ein Ruderlegen zur anderen Seite zu unterstützen.
- Wenn das Schiff – nun bereits auf dem anderen Bug liegend – einen
Winkel von 15-20° zum Wind erreicht, werden die Stagsegel in der
Reihenfolge von hinten nach vorne dichtgeholt. Zuletzt folgen die
Vorsegel.
- Bei einem Winkel von 30-40° werden die Rahen des Fockmastes
rundgebrasst. Der Großmast kann entweder zusammen mit dem
Fockmast gebrasst werden, oder zusammen mit dem Kreuzmast, sowie zu
jedem beliebigen Zeitpunkt dazwischen.
- Groß- und Focksegel werden wieder gesetzt.
- Alle Segel werden wieder optimal getrimmt.
- Der Rudergänger ermittelt die neue Nullposition des
Ruderblattes und steuert die vom Steuermann angewiesene Position zum
Wind.
3. DIE HALSE
Bestimmte Witterungsverhältnisse (nur mäßiger Wind oder
aber Sturm), sowie eine reduzierte Crew in der Vorsaison, wenn keine
Kadetten an Bord sind oder nachts, wenn man (weil keine Regatta ist)
nicht die Freiwache wecken will, sondern nur mit einer Wache das
Manöver fahren will, oder eine untrainierte Crew (viele neue
Trainees), können dazu führen, dass sich die
Schiffsführung entschließt, eine Halse zu fahren. Dieses
Manöver ist leichter zu segeln, dauert aber länger und das
Schiff verliert dabei an Raum, da es quasi eine Schleife fährt.
Das wesentliche Merkmal der Halse ist, dass hierbei nicht das Vortopp
durch den Wind geht, sondern das Schiff "vor dem Wind" dreht.
- Auch hier werden in der Regel zuerst Groß- und Focksegel
aufgegeit.
- Dann wird das Ruder hart nach Lee gelegt und gleichzeitig werden
die Schoten der Stagsegel des Kreuzmastes gefiert.
- Jetzt wird das Besansegel eingeholt und das Kreuztopp wird
rundgebrasst. Dadurch ist es erst einmal aus dem Wind und es entsteht
ein Ungleichgewicht zwischen dem Vorschiff und dem Achterschiff. Das
Schiff dreht und das Kreuztopp steht schließlich back.
- Während der Drehung werden Großtopp und Vortopp lebend
mitgebrasst, sodass sie ständig gefüllt bleiben.
- Das Vortopp bleibt in Vierkantposition. Das Großtopp wird
in dem Moment, wo das Kreuztopp wieder voll steht, mit rundgebrasst.
- Stagsegel und Klüver werden dichtgeholt.
- Schließlich wird auch das Vortopp wieder an den Wind geholt.
- Zum Schluss werden Großsegel, Focksegel und Besansegel
wieder gesetzt.
- Nun wird das Schiff wieder an den Wind gebracht.
- Der Rudergänger ermittelt die neue Nullposition des
Ruderblattes und steuert die vom Steuermann angewiesene Position zum
Wind.
4. NACHBEREITUNGEN
Nachdem das Schiff nun auf dem neuen Kurs ist, gibt es noch einiges zu
tun, bevor alle wieder zu ihren Routinen zurückkehren können
und die Freiwache entlassen wird.
- Das Deck wird aufgeklart. Das heißt, dass alle Leinen
aufgeschossen werden und alles, was in Unordnung geraten war, wieder an
seinen Platz zurückgebracht wird. Alles muss so vorbereitet
werden, dass sofort ein weiteres Manöver gefahren werden
könnte.
- Für die Kadetten erfolgt die "Manöverkritik"
- Dann wird die Freiwache entlassen: "Отбой" (russisch "Adboy!",
deutsch "Fertig")
- Die Wache begibt sich wieder zu ihren Aufgaben.
- Ruder und Ausguck werden wieder von Kadetten (Trainees) der Wache
übernommen.
- Die Position wird neu genommen.
- Der neue Kurs wird festgelegt und in die Seekarte eingetragen.
- Das Manöver und eventuelle Besonderheiten wird ins
Schiffsjournal (Logbuch) eingetragen.
- Der Schiffsverkehr wird informiert, dass das Manöver nun
beendet ist.
- Der Maschinenraum erhält die Anweisungen für das
Feintrimmen der Ballasttanks.
- Der Bootsmann erscheint auf der Brücke und berichtet
über die Kadetten und eventuelle Besonderheiten
- Der Kapitän übergibt das Kommando wieder an den
wachhabenden Offizier.
- Zeit für eine Tasse Kaffee oder einen Schluck Grog ...
(Zusammengetragen aus
http://home.t-online.de/home/klaus.beuse/baerbel/ und
http://www.krieg-unter-segeln.de/Main/krieg/segelmanoever.htm)
DJH-Segelschule